EIGENARTIGE ORTE – Die Naturraumhöhle der Reit

Von Alina Schanz und Lucas Engel

Ein versteckter Pfad durch das Herzstück der Reit.

Nicht weit von Jungfernstieg, HafenCity und Elbphilharmonie, entdeckt man in den Vier- und Marschlanden als wachsamer Besucher ähnlich schöne Klänge und Ausblicke. Die Route „Die Naturraumhöhle der Reit“ vermittelt auf ca. 1,2 km Länge und 20 min Dauer ein intensives Eintauchen in die Natur und hält einige geheime Orte bereit. Die Anreise kann per Bus, Auto oder Rad erfolgen.

Die Naturraumhöhle der Reit
Unterwegs auf einer Route, die ihre Geheimnisse erst bei genauem Hinsehen preisgibt.

Wir befinden uns im Naturschutzgebiet der Reit der Marschlande, stehen auf dem Reitdeich und sehen neben uns eine unscheinbare Abzweigung. Auf dem Weg hierher passierten wir kleinere Siedlungen und offene Weiten mit unzähligen Gänsen und einigen Kühen, die sich auf den Feldern tummelten. An der Regattastrecke und dem alten morsch aussehenden Aussichtsturm aus dunklem Holz sind wir vorbei gegangen und folgten weiter dem Deich, der uns bis an diesen Punkt gebracht hat. Vor uns liegen weitere Felder und Seen, die von Störchen, Graureihern und Lerchen bewohnt sind. Im Hintergrund dreht sich ein altmodisches gelbes Windrad. Wir entschließen uns dem versteckten Pfad ab vom Deich zu folgen und tauchen in eine grüne Welt ein, die trotz ihrer Dichte tiefe Einblicke erlaubt.

Kontraste der Naturraumhöhle

Obwohl der Weg der Naturraumhöhle der Reit dicht umsäumt vom Blattwerk der Bäume und Sträucher wird, ist dieser keineswegs monoton, im Gegenteil. Innerhalb seines kleinen Maßstabs ist er geprägt durch Abwechslung und Kontraste. Zwei Kontraste, die hierbei besonders stark auffallen, sind die Enge und Weite sowie die Helligkeit und Dunkelheit. Die Enge und Weite wird größtenteils horizontal durch den seitlichen Bewuchs des Weges definiert. Immer wieder gibt es Brüche darin, die zwar weiterhin den Weg begrenzen jedoch den Blick weit schweifen lassen. Der Kontrast zwischen Helligkeit und Dunkelheit wird zum einen ebenfalls durch die horizontalen Einflüsse geprägt, aber auch durch das Blätterdach über dem Weg. So kommt es vor, dass an eigentlich schmalen und dunklen Stellen das Dach aufbricht und Helligkeit in die Enge lässt. Dieses Spiel der Kontraste ist in der folgenden Darstellung abstrahiert auf der Strecke des Weges dargestellt. Anschließend werden wir auf eine kleine Reise, beginnend am nördlichen Eingang der Naturraumhöhle, mitgenommen und können die besonderen Punkte des Weges kennenlernen.

Höhleneingang
Was sich wohl hinter der Biegung verbirgt?

Wir gehen auf den kleinen Spalt im Dickicht zu und wundern uns, ob hinter der nächsten Biegung bereits eine Sackgasse auf uns wartet. Bereits von hier können wir unzählige, nicht weit entfernte Singvögel ihr Lied singen hören.

Zwischenimpressionen des Weges

Mortuis Habitat
Nichts Lebendiges weit und breit oder etwa doch?

Einige Meter hinter dem Höhleneingang, nach dem man sich auf dem Weg bereits durch erste ausufernde Zweige zwängen musste, entdeckt man schnell einen Fleck Erde, an dem Pflanzen weniger zu blühen als zu verenden scheinen. Es handelt sich dabei um eine größere Menge Altholz, das langsam von Moos und dem Waldboden zurückerobert wird. Die Sammlung Altholz in diesem Stück Erlen-Eschen-Sumpfwald steht unter Bestandschutz und bietet den sogenannten Glasfügler-Larven (Sesiidae) wertvollen Lebensraum, was nicht zuletzt die große Zahl fliegender Insekten in der Luft erklärt. Zusammen mit den zwar gerade nicht sichtbaren, aber immer noch deutlich hörbaren Vögeln entsteht so eine intime Stimmung.

Zwischenimpressionen des Weges

Stummer Zeitzeuge
Vom Industriestandort zum Naturschutzgebiet.

Mit wachen Augen den Pfad entlanglaufend, fallen einem schnell wiederkehrende Backsteinstrukturen auf, die in den Weg eingebettet zu sein scheinen. Den Höhepunkt markiert dabei eine alte Backsteinmauer, die sich gut versteckt unter Rankenpflanzen und Moos neben dem Pfad befindet. Die Mauer erzählt ihr eigene Geschichte vom industriellen Aufschwung der Vier- und Marschlande Ende des 19. Jahrhunderts und dem jähen Ende in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. An genau diesem Ort wurden vor ca. 100 Jahren enorme Mengen Backsteine in einer Ziegelei geschaffen. Heute hat sich die Natur den Ort wieder einverleibt und es scheint so, als wolle sie sicher gehen, dass dies auch zukünftig so bleibt. Nur die einzelnen stummen Backsteine werden weiterhin ihre Geschichte erzählen.

Zwischenimpressionen des Weges

Natürlicher Architekt
Fallen, um zu wachsen.

Diese Baumformationen haben etwas Ungewöhnliches an sich. Die speziellen Weiden wachsen solange nach oben, bis ihr eigenes Gewicht sie zu Boden zieht. Davon lässt sich der Baum jedoch wortwörtlich nicht unterkriegen und wächst daraufhin wieder Richtung Himmel. Das Ergebnis ist eine organische Flechtstruktur mehrerer Weiden, die sich gegenseitig abstützen und ein Dach im langsam lichter werdenden Wald zu bauen scheinen.

Zwischenimpressionen des Weges

Wasserstandswärter
Steht ein Klotz im Walde.

Weiter den Weg entlang erblicken wir schnell eine unorganische Struktur, die sich kein bisschen versucht zu verstecken. Es handelt sich um eine quaderförmige Konstruktion, die die verschiedenen Wasserstände der angrenzenden Gräben, die hier durch den Pfad unterbrochen werden, ausgleicht und dadurch eine der kleinsten Schleusen überhaupt darstellt. Die offenen, wasserführenden Gräben bieten einen artenreichen Lebensraum für Flora und Fauna und sind unter anderem Heimatort der Libellenart „Grüne Mosaikjungfer“ und einiger Frösche, die sich lauthals bemerkbar machen, wenn man den Kies vor dem Wasserstandswärter überquert.

Zwischenimpressionen des Weges

Kleiner Abzweig

Ob man wohl auch in die Natur laufen könnte?

Kurz nachdem wir uns bereits an den lichter werdenden Charakter des Waldes gewöhnt haben, verändert sich unsere Umwelt wieder und wir tauchen erneut in einen bedeckteren Teil der Route ein. Um uns herum, entlang des Weges möchten Moore entdeckt werden und verbieten gleichzeitig jeglichen Zutritt in ihr kleines reiches Biotop. Zumindest der Ausbruch-Gedanke soll sich an der nächsten Biegung des Weges bewahrheiten. An dieser Stelle gibt es einen kleinen Trampelpfad, der vom eigentlichen Weg abführt.
Tief hinein und über einige tiefwachsende Bäume führt der Weg entlang, ehe er abrupt endet und uns nahezu unberührte Natur offenbart. Weinbergschnecken zeigen uns ihre prunkvollen Häuschen und erzählen von einem rastlosen Leben. An diesem Ort lässt sich besonders gut die Ruhe und Einsamkeit der Naturraumhöhle erleben.

Zwischenimpressionen des Weges

Aufbruch ins Schilf
Das Fenster steht weit offen.

An diesem Stück öffnet sich die Natur rund um unseren Pfad zum ersten Mal in voller Gänze. Konnte man vorher lediglich einzelne Blicke durch lichter werdendes Dickicht werfen, steht einem an diesem Punkt nichts mehr im Wege. Hier können die Blicke ungehindert über eine weite mit Schilf und Seggenried bewachsene Flächen wandern. Zum ersten Mal hört man an diesem Punkt weniger die ausdrucksvollen Singstimmen der Vögeln in den Baumkronen, sondern nahezu nur den Wind, der durch das Feld streift und Freiheit vermittelt.

Zwischenimpressionen des Weges

Sumpfiges Moor
Ein wenig im Wald versinken.

Nachdem der Wind an der vorigen Station lauthals um Aufmerksamkeit schrie, muss man an diesem Ort genau hinhören, um den verschiedenen Stimmen des Waldes lauschen zu können. Im Hintergrund einige Vögel und direkt vor uns eine beruhigende Mischung vom Summen einiger Insekten und den Stimmen entfernter Frösche die sich gut versteckt in den Sumpf- und Moorstrukturen neben dem Weg aufhalten.

Zwischenimpressionen des Weges

Mettnau – Reit – Illmitz
Die Reit für Europa.

Um diese Station zu erkennen, bedarf es wahrlich keiner Lupe. Markiert durch größere geschotterte Wege, vereinzelten Zäunen und Toren und den Informationstafeln darauf, eröffnet sich die Reit in einer völlig neuen globalen Sichtweise. An diesem Ort werden nämlich seit 1965 bereits zwischen Ende Juni und Anfang November jeden Jahres sogenannte Japannetze an den vorhanden Metallstäben angebracht. Diese dienen dazu Vögel zu Forschungszwecken zu fangen und zu analysieren. Zusammen mit zwei weiteren Stationen in Mettnau am Bodensee und in Illmitz in Ost-Österreich sollen so Aussagen zu u.a. Populationsentwicklung, Zugverlauf und Einfluss von Klima und Nahrungsangebot in Bezug auf die Vögel getroffen werden können. Die Stationen funktionieren dabei im Verbund, so dass europaweite Aussagen getroffen werden können.

Zwischenimpressionen des Weges

Rast am Insektenhotel
Zu Gast bei Freunden.

An diesem Punkt nähert sich unsere Route entweder dem Ende zu, oder stellt den Startpunkt für aus dem Süden startende Besucher*Innen dar. Angekommen an einem hölzernen Steg öffnet sich die Natur ein letztes Mal auf dieser Route und lässt uns verschiedene Wasservögel beobachten, die sich in den Wasserstrukturen vor uns tummeln und lauthals bemerkbar machen. Gleich neben dem Steg fühlen sich Insekten in ihren Insektenhotel besonders wohl und fliegen fleißig über die nahegelegene Streuobstwiese. Am angrenzenden NABU-Punkt kann man sich zusätzlich zum Naturschutzgebiet und der Forschung darin informieren.

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